Glühwürmchen (Lampyris noctiluca) in der Schweiz: Biologie & Schutz
Der Grosse Leuchtkäfer (Lampyris noctiluca), in der Schweiz meist als Glühwürmchen bekannt, ist ein faszinierender Bioindikator für intakte Ökosysteme. Dieser Artikel beleuchtet den mehrjährigen Lebenszyklus – von der räuberischen Larve, die als nützlicher Schneckenjäger fungiert, bis hin zum spektakulären, aber kurzen Stadium der Biolumineszenz zur Partnersuche. Zudem werden ökologische Gefahren wie die Lichtverschmutzung thematisiert.
Gerade in ländlichen Regionen der Schweiz kann man in dunklen Mittsommernächten gelegentlich ein beeindruckendes Naturschauspiel beobachten, wenn Glühwürmchen in grosser Zahl auf Partnersuche unterwegs sind. Mit ihren leuchtenden Leibern wirken die Insekten in der Dunkelheit fast wie kleine Sterne, die Waldränder und wilde Wiesen erhellen.
Doch obwohl dieses leuchtende Finale allseits bekannt und in vielen Kulturen positiv besetzt ist, wissen nur wenige, dass es sich dabei nur um einen kleinen Teil des spannenden Lebens des Leuchtkäfers handelt.
Ein Würmchen, das glüht? Eine kurze Einordnung
Von den etwa 2600 Arten der Familie der Leuchtkäfer (Lampyridae) finden sich in der Schweiz genau vier. Die am weitesten verbreitete darunter: der Grosse Leuchtkäfer (Lampyris noctiluca), der deshalb in der Schweiz am häufigsten mit dem Begriff «Glühwürmchen» in Verbindung gebracht wird. Dieser Name ist jedoch eine Fehlbesetzung, da es sich nicht um ein Würmchen, sondern um einen Käfer handelt.
Das vermeintliche «Glühen» ist indes in Wirklichkeit auf Biolumineszenz zurückzuführen. Dabei vermischen sich im Hinterleib des Leuchtkäfers zwei chemische Substanzen, bei deren Reaktion – ähnlich wie bei einem Knicklicht – ein blassgrünes Leuchten entsteht. Am stärksten ausgeprägt ist dieses Leuchten bei den ausgewachsenen Weibchen der Art, die auf diese Weise Paarungsbereitschaft signalisieren und Männchen anlocken.
Lampyris noctiluca, fluoreszierend
Lichtspuren der Glühwürmchen in der Dämmerung
Larve eines Weibchen der Lampyris noctiluca
Begnadete Schneckenvertilger
Vor der Geschlechtsreife verbringen Leuchtkäfer zunächst mehrere Jahre als Larven. In diesem Wachstumsstadium sind ihre Leuchtorgane zwar bereits präsent, jedoch noch unterentwickelt – sie reichen nur für ein schwaches Leuchten, um Feinde zu warnen. Sollte es doch einmal ein Fressfeind wagen, sie anzugreifen, verfügen sie über Abwehrgifte, um ihn in die Flucht zu schlagen.
Die Glühwürmchen-Larven sind jedoch auch begnadete Jäger und ernähren sich hauptsächlich von Schnecken. Auf der Jagd schlagen sie aus dem Hinterhalt zu und töten ihre Beute mit Giftbissen, bevor sie sie an Ort und Stelle verzehren. Bei grösseren Schnecken dauert es bis zu 24 Stunden, bis die Käfer ihre Mahlzeit beendet haben.
Ein leuchtender, aber kurzer Lebensabschluss
Im Winter, wenn keine Beute verfügbar ist, vergraben sich die Larven des Leuchtkäfers in der Erde und verfallen in Winterruhe. Dies tun sie etwa zwei- bis dreimal – im darauffolgenden Sommer verpuppen sie sich und schlüpfen rund eine Woche später als ausgewachsene Glühwürmchen aus ihren Kokons. Ab diesem Zeitpunkt tickt die Uhr: Da die erwachsenen Tiere nicht mehr fressen können, müssen sie schnellstmöglich einen Partner finden.
Dies ist auch der biologische Hintergrund des Naturschauspiels, das sich in der ganzen Schweiz auf Höhen von bis zu 2200 m abspielt – jedoch niemals in tiefen Wäldern oder in der Nähe von Nadelwäldern. In der Regel dauert die Leuchtzeit der Käfer etwa vier Wochen in der Zeit von Juni bis Juli an, wobei Nachzügler eher selten sind.
Unmittelbar nach der Paarung legen die Weibchen in der Nähe des Leuchtplatzes 60 bis 90 kleine, schwach leuchtende Eier ab. Als Verstecke nutzen sie vorzugsweise Graswurzeln, seichte Erdlöcher im Waldboden oder Verstecke aus Holz oder Stein. Die glücklichen Eltern haben jedoch nicht die Chance, das Schlüpfen ihres Nachwuchses zu erleben: Während das Weibchen unmittelbar nach der Eiablage stirbt, überlebt das Männchen noch rund zwei Wochen nach der Paarung. Die Eier hingegen schlüpfen erst nach einem Monat.
Glühwürmchen sind begnadete Schneckenjäger. Schon als Larven erlegen sie ihre Beute mit Giftbissen und vertilgen sie an Ort und Stelle. Erst am Ende ihres Lebens beginnen die ausgewachsenen Weibchen mit ihrem charakteristischen blassgrünen Leuchten, um in lauen Sommernächten Männchen auf Partnersuche anzulocken.
Gefährdung, Tier des Jahres und Schutzmassnahmen
In der Natur erfüllen Glühwürmchen nicht nur als Schneckenvertilger eine wichtige Funktion; sie sind auch ein Indikator für die Gesundheit der Landschaft. «Wo es den Insekten gutgeht, ist die Natur in Ordnung», fasste der Naturschutzverband Pro Natura dies treffend zusammen, als er den Grossen Leuchtkäfer (Lampyris noctiluca) 2019 zum Tier des Jahres ernannte.
Leider sind sowohl der Grosse Leuchtkäfer als auch seine anderen heimischen Verwandten – der Kleine Leuchtkäfer (Lampyris splendidula), der Kurzflügellleuchtkäfer (Lampyris hemipterus) und der Italienische Leuchtkäfer (Luciola italica) – im Rückgang begriffen. Ursache dafür ist neben Pestizideinsatz und sinkenden Schneckenpopulationen die wachsende Lichtverschmutzung. So stellten Untersuchungen in der Aargauer Gemeinde Biberstein fest, dass Weibchen unbeirrt auch unter Strassenlaternen leuchten, Männchen diese jedoch meiden, was die Partnersuche erschwert.
Ideale Bedingungen hingegen finden Glühwürmchen in Naturschutzgebieten wie denen von Pro Natura, wo sie keinerlei Lichtverschmutzung ausgesetzt sind und eine gesunde Schneckenpopulation vorfinden. Auch in den Kantonen Waadt und Schaffhausen stehen die leuchtenden Käfer bereits unter Naturschutz.